So unterstützt ein Roboter namens Horst eine Tischlerei in der Krise

So unterstützt ein Roboter namens Horst eine Tischlerei in der Krise

Kirsten Stünkel

Der Roboter kann in den unterschiedlichsten Branchen eingesetzt werden: Hier ist er in der Tischlerei Eigenstetter. Foto: Eigenstetter GmbH

(Mai 2020) Die Tischlerei Eigenstetter aus Rehna ist als hochmodernes Handwerksunternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern bekannt und gilt als Vorbild der Branche. Warum? Der Betrieb bindet nahezu selbstverständlich und effektiv digitale Lösungen in die Betriebsprozesse ein. Die neueste Errungenschaft ist ein Roboter namens Horst. Entwicklungsingenieur Martin Eigenstetter über sein neuestes Nachwuchsprojekt und wie sich der Alltag im Betrieb durch die Corona-Krise verändert hat.

Die Tischlerei Eigenstetter ist ein Unternehmen, das sein “traditionelles Profil nun schon seit einem Jahrzehnt mit modernen Verfahren flankiert und dazu schon moderne CAD-CAM-Lösungen und Robotik einsetzt”, so Martin Eigenstetter. CAD-CAM-Lösungen, das bedeutet Computer unterstütztes Design (CAD) und Computerunterstützte Produktion (CAM). Dabei werde konsequent versucht “eine Symbiose aus tradierten und innovativen Verfahren herbeizuführen und so eigene Antworten auf die zentralen Fragen der handwerklichen Wertschöpfung in einem Hochlohnland zu finden”, berichtet Eigenstetter.

Mit der Corona-Krise hat sich der Betriebsalltag erneut verändert. Bei der Tischlerei ging es dabei nicht bloß nur um Händedesinfektion und Besuchermasken. Die Privatkundschaft habe sich zurückgehalten. Auch die Nachfrage der Industriepartner habe sich verändert und sei teilweise massiv eingebrochen, so Eigenstetter: “In unserer Jahresplanung war ein erheblicher Anteil unserer Produktion auf die Zulieferung für MV-Werften (Anm. der Red.:  Mecklenburg-Vorpommerns größtes Schiffbauunternehmen) ausgerichtet, das seit Monaten völlig steht und dessen Zukunft vollkommen unklar ist.” 

Weiterbildung als Reaktion auf die Krise

Die Tischlerei fertigte zur Krisenzeit auch vereinzelt Infektionsschutzvorrichtungen, jedoch habe die Nachfrage danach “in keiner Weise die wegbrechende Beschäftigung des Normalbetriebes aufgefangen”, berichtet der Ingenieur. Zusätzlich wurde laut Eigenstetter die Produktion durch die durch hohe Nachfrage entstandene mangelnde Verfügbarkeit der Halbzeuge, wie zum Beispiel Acrylglas, massiv behindert. Um der kurzfristigen Unterbeschäftigung der MitarbeiterInnen entgegenzuwirken, hat die Tischlerei mit betriebsinternen Weiterbildungen reagiert. 

Das Nachwuchsprojekt Horst

Was zunächst nach einem willkürlichen Spitznamen klingt, hat System. Denn Horst, das steht für “Highly Optimized Robotic Systems Technology”. Ein Roboter – beheimatet beim Start Up fruitcore in Konstanz am Bodensee. “Wir sind seit einigen Jahren in einer Projektkooperation mit der Uni Stuttgart, der auch die Gründer von fruitcore eng verbunden sind”, so Eigenstetter. Horst stehe im Trend der “neuen, kleinen, relativ günstigen Leichtbauroboter, die verhältnismäßig leicht zu teachen (Anm. der Red.: anzulernen) sind.” Zukünftig sollen sie laut Eigenstetter noch häufiger eingesetzt werden, nicht nur im Handwerk. 

In der Tischlerei dient Roboter Horst der Weiterbildung. Foto: Tischlerei Eigenstetter GmbH

Die Zukunft von Horst

Wie wird Horst eingesetzt? Aktuell wird der Roboter, ein Vorseriengerät aus der Entwicklungsabteilung des Start-Ups fruitcore, genutzt, um der coronabedingten Unterbeschäftigung einen Sinn zu verleihen.

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SHZ – Schleswig-Holstein

Besonders für die eigenen Lehrlinge und JunggesellInnen solle der Roboter attraktiv sein. Diese “haben sich bewundernswert mit dem Thema Leichtbaurobotik im Handwerk auseinandergesetzt und sehr selbstständig und erstaunlich schnell kleine Beispiellösungen erdacht und umgesetzt”, berichtet Eigenstetter. Genutzt werden könne er außerdem möglicherweise in der Klein- und Mittelserienfertigung . Darüber denkt man in der Tischlerei jetzt nach. 

Was kommt nach Corona?

Eigenstetter gibt einen kleinen Ausblick: Dieser Horst solle erst einmal zurückgehen an den Hersteller. Dennoch: “Ein anderer oder alternativer Leichtbauroboter wird uns in den nächsten Jahren bestimmt die Arbeit erleichtern.” Die Belegschaft ist bereits an den Umgang mit Robotern gewöhnt, denn in dieser Tischlerei sei der Einsatz keinesfalls neu. Man gehe damit recht nüchtern und abgeklärt um, so der Ingenieur. Die jungen Leuten seien dagegen durchaus auch mal euphorisch, wenn es um den Einsatz von Robotern geht.

Roboter als ernstzunehmende Konkurrenz?

Bedenken beim Einsatz von Robotern gebe es keine, denn davon einen wirklichen Handwerker mit all seiner Problemlösungskompetenz zu ersetzen, seien sie weit entfernt in der Tischlerei. Im Moment sei schließlich noch nicht einmal das Autofahren automatisierbar.

Wo ist der Betrieb besonders innovativ?

Lernbedarf sieht Eigenstetter noch im Vertrieb und im Marketing. Denn das Hauptaugenmerk, das liegt auf dem handwerklichen und technologischen Vorankommen. Der Fokus, etwa auf das hauseigene hochmoderne Roboterfräszentrum, birgt jedoch auch noch ganz andere Vor- und Nachteile. Diese “liegen in der Tatsache begründet, dass immer größere Tätigkeitsfelder von der Hand in den Kopf, von der konkreten in die abstrakte Ebene wandern”, sagt Eigenstetter. Damit gingen stärkere geistige Anforderungen, jedoch auch Entlastungen einher – körperlich, wie auch in der Sicherheit.

Die Tischlerei – ein Vorreiter der Digitalisierung?

Den digitalen Wandel der Tischlerei bezeichnet Eigenstetter als eine vollkommene Gemeinschaftsleistung. „Ich übernehme nur die Interviews, damit die echten Handwerker in Ruhe ihre Arbeit schaffen können.” Auf die Frage, ob er einen Rat für andere Unternehmerinnen und Unternehmer habe, antwortete er: Seines Wissens nach brauche kein Unternehmer ein Ratschlag von ihm – viele würden Ihre Situation bereits sehr richtig einschätzen und oft sei ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber den aktuellen Modebegriffen durchaus angebracht. Dabei gebe es keine pauschale Richtung für UnternehmerInnen, die er vorgeben möchte: “Wer seinem Kompass folgt, macht es schon richtig. Und der muss nicht immer in Richtung höhere Technisierung weisen”, so Eigenstetter.

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